1 Jahr Geigenunterricht – und sie lesen ALLE selbstständig Noten!

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Ein Jahr Geigenunterricht – und plötzlich lesen sie Noten!

Im vergangenen Herbst hat eine ganze Schar kleiner Anfänger bei mir mit dem Geigenunterricht begonnen. Die Jüngste war noch im Kindergarten, die anderen gingen bereits in die Grundschule. Manche starteten zu zweit oder in kleinen Gruppen, andere im Einzelunterricht.

Ein Jahr ist seitdem vergangen. Ein Jahr voller Spiele, Entdeckungen, erster Töne und Melodien, kleiner und großer Fortschritte. Wir haben gemeinsam gelacht, ausprobiert, geübt und musiziert.

Und wir haben schon einiges erlebt!

Gemeinsam wachsen

Einige Kinder haben bereits ihre ersten Konzerte gemeistert. Die Kinder aus der Gemeinde in Appenweier durften sogar bei zwei Hochzeiten mitspielen – ein Gemeindelied, gemeinsam mit den anderen Musikern. Was für ein Erlebnis für kleine Geigerinnen und Geiger, die erst wenige Monate zuvor zum ersten Mal eine Geige in der Hand gehalten hatten!

Auch die Eltern haben einen großen Anteil an dieser Entwicklung. Sie fahren ihre Kinder zum Unterricht, investieren Zeit und Geld, ermutigen sie zu Hause, hören zu, helfen beim Üben und sind manchmal selbst im Unterricht dabei.

So sind im Laufe des Jahres wunderbare kleine Lerngemeinschaften entstanden.

Besonders schön erlebe ich das im Partnerunterricht. Wenn zwei Kinder gemeinsam eine ganze Stunde Zeit haben, können wir so viel mehr machen als nur ein paar Stücke durchspielen. Wir spielen, erfinden, üben Rhythmen, hören einander zu, musizieren zusammen. Es bleibt sogar Zeit, sich in Ruhe etwas zu erzählen. Und ganz nebenbei lernen die Kinder auch voneinander.

Eine Orchesterprobe vor den Herbstferien

Kurz vor den Herbstferien stand eine besondere Probe mit allen kleinen Anfängern auf dem Programm.

15 Kinder waren dabei. Auf den Notenpulten lag ein mehrstimmiges Stück mit drei verschiedenen Geigenstimmen. Keines der Kinder hatte es vorher geübt, niemand hatte die Noten im Voraus bekommen.

Ich hatte die Noten allerdings besonders groß aufgeschrieben und mit meinen farbigen Orientierungslinien versehen. Fingersatzzahlen gab es keine.

Und dann ging es los.

Wir lasen, probierten, hörten aufeinander, spielten einzelne Stellen und setzten die Stimmen zusammen. Die Kinder, die schon etwas sicherer waren, halfen denen, die noch Unterstützung brauchten.

Am Ende dieser einen Probe hatten wir tatsächlich die Hälfte des vierseitigen Stückes gemeinsam erarbeitet – mit allen drei Stimmen und konnten es den Eltern vorspielen.  

Ich fand das bemerkenswert. Denn diese Kinder spielen erst seit ungefähr einem Jahr Geige.

Notenlesen – ganz nebenbei?

Was mich aber im Moment am meisten begeistert, ist etwas anderes.

Alle diese kleinen Anfänger können inzwischen selbstständig Noten lesen. Sicher und flüssig, ganz ohne Fingersatzzahlen.

Natürlich gibt es kleine Unterschiede im Lesetempo. Aber jedes dieser Kinder, auch die Jüngste, kann sich inzwischen selbstständig anhand der Noten auf seinem Instrument orientieren. Und das nach ungefähr einem Jahr Unterricht!

Dabei haben wir keineswegs ein Jahr lang Notennamen gepaukt oder trockene Leseübungen absolviert.

Wir haben vor allem Musik gemacht.

Von Anfang an gehörten die Noten einfach dazu. Allerdings nicht gleich in ihrer ganzen Komplexität. Die Kinder haben die Notenschrift Schritt für Schritt kennengelernt, immer passend zu den Tönen, die sie auf ihrem Instrument bereits spielen konnten. Meine farbigen Orientierungslinien halfen ihnen dabei, sich auf dem Notensystem zurechtzufinden.

So konnten sie von Beginn an selbst erkennen, welche Töne sie spielen sollten. Fingersatzzahlen über den Noten waren dafür nicht nötig.

Und nach und nach geschieht nun etwas sehr Erfreuliches: Die Hilfen werden überflüssig.

Die ersten Kinder spielen inzwischen aus ganz gewöhnlichen schwarzen Noten, ohne die farbigen Linien. Nicht, weil wir diesen Übergang besonders trainiert oder eine große Sache daraus gemacht hätten. Sondern weil sie sich inzwischen so sicher im Notensystem orientieren können, dass sie die Farben einfach nicht mehr brauchen.

Die Notenschrift ist für sie zu etwas Vertrautem geworden.

„Das möchte ich auch noch spielen!“

Vor Kurzem brachte eines meiner Mädchen ein Liederbuch mit in den Unterricht. Darin standen Lieder, die sie von zu Hause und aus der Gemeinde kannte und gerne sang.

Sie schlug eines auf und spielte es.

Dann das nächste.

Und noch eines.

Es waren einfache, eingängige Melodien, gut lesbar notiert. Aber es waren ganz normale Noten, ohne farbige Hilfslinien und ohne Fingersatzzahlen.

Meine kleine Schülerin konnte die Lieder einfach spielen.

Ich saß daneben und freute mich.

Denn genau das wünsche ich mir für meine Schüler: dass sie nicht darauf angewiesen sind, dass ich ihnen jedes neue Stück erst erkläre, vorspiele oder die richtigen Finger dazuschreibe.

Dass sie ein Liederbuch aufschlagen und die Musik darin selbst entdecken können.

In diesem Moment wird aus dem Notenlesen eine echte Fähigkeit, die dem Kind gehört. Es braucht mich nicht mehr, um Zugang zu einem neuen Lied zu bekommen.

Was bedeutet eigentlich „Noten lesen können“?

Natürlich ist damit noch nicht alles erreicht.

Wer die Noten auf dem Papier erkennt und auf dem Instrument umsetzen kann, hat deshalb noch nicht automatisch eine innere Tonvorstellung entwickelt. Auch das Verständnis für Tonarten, Intervalle und andere musiktheoretische Zusammenhänge muss erst nach und nach wachsen.

Aber ein ganz entscheidender Schritt ist getan.

Die Kinder können sich selbstständig neue Musik erschließen. Sie können "prima vista" eine zweite Stimme spielen, die sie noch nie gesehen haben, während ich die erste dazu spiele. Sie können in einem Orchester mit anderen Kindern gemeinsam ein unbekanntes Stück erarbeiten. Sie können Lieder spielen, die ihnen persönlich etwas bedeuten.

Und sie erleben dabei etwas Wichtiges: Ich kann das selbst!

Das ist für mich der eigentliche Sinn des Notenlesens im Anfangsunterricht.

Nicht, dass ein Kind möglichst früh alle Notennamen aufsagen kann. Nicht, dass es fehlerfrei irgendwelche Leseübungen absolviert. Sondern dass es die Notenschrift tatsächlich benutzen kann, um Musik zu machen.

Und dafür muss man nicht warten, bis die Kinder älter sind oder schon mehrere Jahre Unterricht haben.

Man muss ihnen allerdings einen Zugang ermöglichen, der ihrem jeweiligen Entwicklungsstand entspricht.

Musik machen und Noten lesen – kein Widerspruch

Manchmal wird die Frage gestellt, ob man kleinen Kindern nicht erst einmal die Freude am Instrument ermöglichen sollte, bevor man sie mit Noten konfrontiert.

Ich finde, diese beiden Dinge gehören zusammen.

Natürlich sollen Kinder zunächst einmal ihr Instrument entdecken, Klänge ausprobieren, nach Gehör spielen, singen, sich bewegen und gemeinsam musizieren. All das hat seinen Platz im Unterricht und bleibt auch weiterhin wichtig.

Aber warum sollte man ihnen nicht gleichzeitig die Tür zur geschriebenen Musik öffnen?

Wenn die Notenschrift so eingeführt wird, dass sie von Anfang an verständlich und handhabbar ist, wird sie nicht zur zusätzlichen Belastung. Sie ist einfach ein weiteres Werkzeug, das die Kinder beim Musizieren benutzen lernen.

Genau dafür habe ich isiQuint entwickelt: einen Weg, die Notenschrift im Instrumentalunterricht Schritt für Schritt einzuführen. Statt die Kinder gleich mit dem vollständigen Notensystem zu konfrontieren, beginnen wir mit einer reduzierten Darstellung, die nur die gerade benötigten Töne und Zeichen zeigt. Farbige Notenlinien helfen dabei, die Töne sicher zu erkennen. Mit jedem neuen Lernschritt wächst auch die Notenschrift mit.

Die Kinder lernen dadurch von Anfang an, die Noten selbst zu lesen, statt sich an Fingersatzzahlen zu orientieren.

Und irgendwann brauchen sie auch die farbigen Linien nicht mehr.

Das erlebe ich gerade bei meinen kleinen Anfängern.

Ein großes Dankeschön

Wenn ich heute auf dieses erste Unterrichtsjahr zurückblicke, bin ich vor allem dankbar.

Für die neugierigen Kinder, die mit so viel Freude und Offenheit dabei sind. Für die Eltern, die sie so zuverlässig begleiten. Für das Vertrauen, das sie mir entgegenbringen. Und für all die kleinen musikalischen Momente, die wir miteinander erleben durften.

Ich bin unendlich stolz auf meine kleine Bande!

Und ich freue mich auf alles, was wir im nächsten Jahr gemeinsam entdecken werden.