Die Zukunft des Musikunterrichts? Ich habe sie schon in den 80er Jahren gesehen.

Manchmal begegnet man einem Menschen, der Jahrzehnte vor seiner Zeit denkt – und erst viele Jahre später erkennt man, wie visionär das eigentlich war.
Als ich mit 19 Jahren als Au-pair nach Grenoble ging, wollte ich eigentlich nur besser Geige spielen.
Dass ich dort dem Menschen begegnen würde, der mein gesamtes späteres Berufsleben prägen sollte, konnte ich damals nicht ahnen.
Diese Frau hieß Clothilde Münch.
Nach einer Aufnahmeprüfung wurde ich in ihre Geigenklasse am Conservatoire aufgenommen. Gleichzeitig lernte ich ihre eigene Musikschule kennen – die École Vivaldi.
Damals erschien mir vieles einfach ungewöhnlich.
Heute, mehr als vierzig Jahre später, erkenne ich: Sie hatte eine Vision vom Musikunterricht, die ihrer Zeit weit voraus war.
Eine Schule, in der ständig Musik stattfand
Die École Vivaldi war keine Musikschule, wie ich sie aus Deutschland kannte.
Natürlich gab es Einzel- und Kleingruppenunterricht.
Aber daneben passierte ständig etwas.
Es wurde in großen Gruppen geprobt. Es wurden Konzerte vorbereitet. Es wurden Programme auswendig gelernt. Es gab gemeinsame Veranstaltungen, Prüfungen, Orchester, Meisterkurse und öffentliche Konzertreihen.
Musik war dort kein einstündiger Termin pro Woche.
Sie war ein Lebensraum.
Jeder wusste, wo er stand
Besonders beeindruckt hat mich die Struktur.
Das gesamte Unterrichtsrepertoire war in Stufen gegliedert – ähnlich wie die Klassen einer Schule.
Jedes Kind wusste:
Wo stehe ich gerade?
Was ist mein nächstes Ziel?
Welche Stücke gehören zu meinem Niveau?
Auch die Konzertliteratur war nach diesen Stufen aufgebaut.
Jeder spielte den Teil, der seinem Entwicklungsstand entsprach.
Heute würde man wahrscheinlich von einem transparenten Lernpfad sprechen.
Damals war das einfach der Alltag.
Ich durfte selbst Teil dieses Systems werden
Nach meinem Studium der Instrumentalpädagogik kehrte ich zurück und unterrichtete für einige Monate an der École Vivaldi.
Ich fuhr mit dem Fahrrad von Kindergarten zu Kindergarten – mehrere kleine Geigen im Gepäck.
Ich unterrichtete Gruppen von Vorschulkindern.
Vierjährige.
Oft begleitet von ihren Eltern.
Einmal pro Woche kamen alle Anfänger eines Niveaus zusammen.
Zwei Lehrkräfte leiteten diese große Gruppe.
Während eine den Unterricht führte, kümmerte sich die andere um einzelne Kinder, die Unterstützung brauchten.
Damals erschien mir das selbstverständlich.
Heute denke ich: Wie durchdacht dieses Konzept eigentlich war.
Musik sollte für alle zugänglich sein
Clothilde Münch benutzte dafür ein Wort, das ich nie vergessen habe:
Accessibilité.
Musik sollte allen Kindern offenstehen.
Nicht nur den besonders Begabten.
Nicht nur den Kindern wohlhabender Familien.
Gruppenunterricht war deshalb für sie nicht einfach eine wirtschaftliche Lösung.
Er war eine pädagogische Entscheidung.
So konnten mehr Kinder Musik erleben.
Und gleichzeitig entstand etwas, das im Einzelunterricht kaum möglich ist:
eine Gemeinschaft.
Eine Schule wie eine große Familie
Mich hat immer beeindruckt, wie selbstverständlich jeder seinen Platz fand.
Die älteren Schülerinnen und Schüler halfen bei Kinderfreizeiten.
Nicht die Besten wurden bevorzugt.
Auch Jugendliche, die musikalisch vielleicht nicht herausragend waren, konnten Verantwortung übernehmen.
Sie betreuten die Jüngeren, verdienten sich etwas Geld dazu und blieben Teil der Gemeinschaft.
Heute würde man von sozialem Lernen sprechen.
Damals wurde es einfach gelebt.
Warum alle plötzlich übten
Viele Jahre später organisierte ich mit meinen eigenen Schülern eine Konzertreise nach Frankreich.
Fünfzehn meiner Schülerinnen und Schüler aus Achern fuhren mit.
Vorher hatte Clothilde Münch unsere Musikschule besucht.
Sie hörte die Kinder spielen.
Sie sprach mit ihnen.
Und sie machte völlig klar, was sie erwartete.
Wenn drei Stücke vorbereitet werden sollten, dann waren es drei Stücke.
Wenn eine Metronomzahl genannt wurde, dann war genau diese gemeint.
Wenn auswendig gespielt werden sollte, dann wirklich auswendig.
Und plötzlich geschah etwas Erstaunliches.
Meine Schülerinnen und Schüler übten wie nie zuvor.
Nicht aus Angst.
Sondern weil sie unbedingt dabei sein wollten.
Bis heute glaube ich:
Es gibt kaum einen stärkeren Motivationsfaktor als ein echtes gemeinsames Ziel.
Heute erkenne ich vieles wieder
Inzwischen baue ich meine eigene Unterrichtspraxis auf.
Ich entwickle meine eigenen Konzepte.
Mit isiQuint.
Mit Gruppenunterricht.
Mit strukturierten Lernwegen.
Mit einem Unterricht, der Kindern Erfolgserlebnisse ermöglicht.
Und immer wieder denke ich dabei an Grenoble zurück.
Interessanterweise begegnen mir viele dieser Gedanken heute erneut – beispielsweise in den Business- und Unterrichtskonzepten von Max Frankl.
Nicht weil jemand das Modell kopiert hätte.
Sondern weil gute Ideen offenbar zeitlos sind.
Mein Fazit
Clothilde Münch sagte damals oft:
„Das ist der Musikunterricht der Zukunft.“
Damals hielt ich das für eine schöne Überzeugung.
Heute glaube ich, sie hatte recht.
Nicht jedes Detail ihres Konzepts würde ich heute genauso übernehmen.
Ich habe meinen eigenen Weg gefunden.
Aber die Grundgedanken begleiten mich bis heute:
Musik muss zugänglich sein.
Kinder lernen gemeinsam.
Klare Strukturen geben Orientierung.
Konzerte schaffen Motivation.
Gemeinschaft ist genauso wichtig wie Technik.
Vielleicht ist genau das die Zukunft des Musikunterrichts.
Oder besser gesagt:
Vielleicht war sie ihrer Zeit einfach vierzig Jahre voraus.